oder

Schatten der Nacht (2025)

Edge of Night

Türkische Drama über zwei Brüder, die gezwungen sind, sich mit der Rolle ihrer Familie im Militär auseinanderzusetzen.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelm??iggutweltklasse 3 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelm??iggutweltklasse 4.0 / 5

Filmsterne von 1 bis 5 dürfen vergeben werden, wobei 1 die schlechteste und 5 die beste mögliche Bewertung ist. Es haben insgesamt 1 Besucher eine Bewertung abgegeben.


Sinan (Ahmet Rifat Sungar) ist Soldat in der türkischen Armee und es gewohnt, Befehle zu befolgen. Als er von einem Vorgesetzten einen unerwarteten Auftrag erhält, führt er ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, aus. Der junge Hauptmann soll einen Gefangenentransport begleiten, um seinen fahnenflüchtigen Bruder Kenan (Berk Hakman) einem Militärgericht vorzuführen. Doch unterwegs werden Sinan und Kenan, die in Begleitung zweier Soldaten und eines weiteren Gefangenen reisen, von einem politischen Beben erschüttert. Mitten in der Nacht versuchen Putschisten, die Regierung zu stürzen, was Fragen aufwirft. Wusste Kenan von den Plänen? Und ist Sinans Vorgesetzter in den Putschversuch involviert?

Bildergalerie zum Film "Schatten der Nacht"

Schatten der NachtSchatten der NachtSchatten der NachtSchatten der Nacht

Hier streamen


Filmkritikunterirdischschlechtmittelm??iggutweltklasse3 / 5

"Schatten der Nacht": Familie oder Vaterland?

"Schatten der Nacht" ist Türker Süers Langfilmdebüt. Darin packt der in Deutschland geborene und aufgewachsene Regisseur, der an der Kunsthochschule für Medien in Köln studierte, ein ebenso relevantes wie komplexes Thema an – und schaffte es auf Anhieb zu renommierten Filmfestivals. "Gecenin Kıyısı", so der Originaltitel des Dramas, erhielt unter anderem Einladungen nach Venedig, Toronto, Thessaloniki, Hamburg und Haifa, bevor es jetzt offiziell in den deutschen Kinos startet.

Schon Süers Kurzfilm "Brüder" (2012) handelte von zwei gegensätzlichen Brüdern, von denen einer mit dem Gesetz in Konflikt geraten war und die sich beide mit der eigenen Familiengeschichte auseinandersetzen mussten. In seinem ersten abendfüllenden Spielfilm stellt Süer diesen Themenkomplex am Beispiel der zwei Soldaten Sinan (Ahmet Rıfat Şungar) und Kenan (Berk Hakman) nun in einen größeren, gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang.

Unerwartete Aktualität

Wie es der Zufall will, kommt der deutsche Kinostart zur richtigen Zeit. Süer hat die von ihm selbst verfasste Handlung im Juli 2016 angesiedelt. Der damalige Putschversuch von Teilen des Militärs dient dem Filmemacher als politischer Hintergrund, vor dem er seine belastete Familiengeschichte aufzieht. Wiederholt schleichen sich Originalaufnahmen der Nacht vom 15. auf den 16. Juli über Fernsehschirme als zeithistorische Einsprengsel ins Bild. Und so, wie die Bevölkerung vor nicht ganz neun Jahren gegen die Putschisten auf die Straße ging, den Umsturz abwendete und die Regierung unter Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan im Amt hielt, so sind im Frühjahr 2025 wieder Zehntausende auf den Straßen unterwegs; allerdings nicht um für Erdoğan, sondern gegen ihn und die von ihm veranlasste Festnahme seines politischen Rivalen, des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu, zu demonstrieren. Auch wenn das Militär und die Politik zwei getrennte Sphären sind, liegen die Gemeinsamkeiten auf der Hand: hierarchisch strukturierte Männerwelten mit autoritären Zügen.

Männlichkeit und Militär

Ins Zentrum seiner Handlung stellt Türker Süer einen Karrieristen aus Familientradition. Schon Sinans und Kenans Vater war ein hochrangiger Militär, dessen Karriere jedoch, wie sich sukzessive offenbart, ein unrühmliches Ende nahm. Während der stets vorbildliche Sinan bemüht ist, in die großen Fußstapfen zu treten, ist Kenan das schwarze Schaf der Familie, behält mit seinem kritischen Blick auf das Militär und das Vaterland am Ende aber recht. Der Bruderzwist, zumal zwischen zwei Geschwistern, die um die Gunst übermächtig erscheinender Vaterfiguren buhlen, erinnert freilich an die alttestamentarische Geschichte von Kain und Abel, die sich in abgewandelter Form auch im Koran findet. Bei Süer nimmt sie allerdings ein anderes Ende. Hier verspürt der ältere Kenan gegenüber seinem jüngeren Bruder keinerlei Neid, auch wenn es Sinan im Militär weiter gebracht hat. Ganz im Gegenteil versucht Kenan, seinen jüngeren Bruder zu beschützen. Und es ist der ältere, nicht der jüngere Bruder, der schließlich sein Leben lässt, während Sinan hilflos dabei zusehen muss.

Die Handlung kreist um Fragen, die zwischen Gehorsam gegenüber dem Militär, Pflichtbewusstsein gegenüber der eigenen Familie und gesundem Menschenverstand gegenüber der Gesellschaft oszillieren. Es geht um richtige und falsche Vorstellungen von Autorität und Männlichkeit und darum, diese kritisch zu hinterfragen. Der Regisseur stellt diese Fragen indirekt, über seinen Protagonisten, den Ahmet Rıfat Şungar eindrücklich verkörpert. Für seine brodelnde Darbietung wurde der Hauptdarsteller beim Filmfestival in Adana als bester Schauspieler ausgezeichnet. Man merkt seiner Figur jederzeit an, wie unwohl sie sich mit der Situation fühlt, dass sie sich innerlich sträubt und windet, die Befehle auszuführen und doch nicht anders kann, weil ihr der Gehorsam bereits in der eigenen Familie eingeimpft wurde.

Strikte Regeln, strenge Form

Türker Süer überträgt diesen inneren Kampf versiert und mit formaler Strenge von seinem Drehbuch auf die große Leinwand. Sein Kameramann Matteo Cocco ("Dark Glasses", "Exil") setzt auf Einstellungen, die das enge Korsett des militärischen Alltags in präzise geometrische Formen übersetzen. Der Gefangenentransport bei Nacht erinnert entfernt an Nuri Bilge Ceylans "Once Upon a Time in Anatolia" (2011), nicht zuletzt, weil die sphärische Musik von Ozan Tekin dem Geschehen etwas leicht Surreales verleiht. Letzten Endes bewegt sich "Schatten der Nacht" aber stets auf festem Grund. Um dort die alles entscheidende Frage zu verhandeln: Was tust du, wenn du in einem zunehmend autokratischer werdenden System lebst, passt du dich an oder begehrst du auf?

Fazit: "Schatten der Nacht" ist das Langfilmdebüt des Regisseurs und Drehbuchautors Türker Süer, der anhand eines intimen Familiendramas Fragen verhandelt, die die uns alle angehen. Die Spaltung des Militärs und die zweier im Militär dienender Brüder steht symbolisch für die zunehmende Spaltung von Gesellschaften – nicht nur in autokratischen Staaten wie der Türkei.




TrailerAlle "Schatten der Nacht"-Trailer anzeigen

Zum Video: Schatten der Nacht

Besetzung & Crew von "Schatten der Nacht"

Land: Türkei
Jahr: 2025
Genre: Drama
Originaltitel: Edge of Night
Länge: 85 Minuten
Kinostart: 27.03.2025
Regie: Türker Süer
Darsteller: Berk Hakman als Kenan, Ahmet Rifat Sungar als Sinan, Poyraz Aras Etik, Yilmaz Gökgöz, Eda Akalin
Kamera: Matteo Cocco
Verleih: Real Fiction

Verknüpfungen zu "Schatten der Nacht"Alle anzeigen





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.