FBW-Bewertung: Islands (2025)
Prädikat besonders wertvoll
Jurybegründung: Der Spielfilm ISLANDS entfaltet in 123 Minuten eine vielschichtige Erzählung, die sich subtil zwischen Identitätsfindung, verdrängter Vergangenheit und menschlicher Fehlbarkeit bewegt. Regisseur Jan-Ole Gerster bleibt mit seinem neuen Film seinem Sujet treu: Männer ohne Plan, gefangen in einer Welt, die ihnen Möglichkeiten bietet, aber keine Richtung vorgibt.Im Mittelpunkt steht Tom, ein Tennistrainer in einem Ferienkomplex auf Fuerteventura, der seine Tage zwischen Unterrichtsstunden, Alkohol und bedeutungslosen Affären verbringt. Mit der Ankunft der Familie Maguire gerät sein trostloser Alltag ins Wanken. Besonders Anne, die ihn an jemanden aus seiner Vergangenheit erinnert, weckt in ihm unerwartete Emotionen. Als ihr Mann Dave verschwindet und die Polizei ermittelt, geraten sowohl Anne als auch Tom unter Verdacht. Doch ISLANDS ist weit mehr als ein Kriminalfall ? das Drehbuch lenkt geschickt falsche Fährten und spielt mit Genreversatzstücken, ohne sich auf eine eindeutige Richtung festzulegen.
Die große Stärke des Films liegt in seiner Subtilität. Die Geschichte entwickelt sich über Andeutungen und visuelle Parallelen, statt eindeutige Antworten zu liefern. Hinweise werden raffiniert platziert, doch der Zweifel überwiegt stets. Die Kamera nutzt gezielte Schwenks, um Situationen miteinander zu verknüpfen und Spannungsfelder aufzubauen. Immer wieder erscheinen Szenen, die offenbar unabhängig voneinander sind, später in einem neuen Licht. Wohl komponierte Einstellungen, in denen z.B. die Parallelen zwischen Tom und Anton, dem Sohn der Maguires, herausgearbeitet werden, geben dem Publikum einen reizvollen Wissensvorsprung.
Die Charaktere, bis hin zu den Nebenfiguren, sind nuanciert gezeichnet. Tom, der zurückgenommen, wie verkapselt, aber nie spannungsarm von Sam Riley verkörpert wird, lädt nicht zur direkten Identifikation ein, doch man wünscht ihm, dass er endlich aufwacht und handelt. Auch Dave, zunächst als Antagonist gezeichnet, wirkt letztlich wie eine extreme Version von Tom ? ein Mahnmal dafür, was passieren kann, wenn man sich selbst verliert. Insgesamt herrscht, bei aller Ambivalenz, ein generelles Wohlwollen gegenüber den gezeigten Figuren, das verhindert, dass sie für einen emotionsgeladenen Effekt geopfert werden. Es wird klar: die Fehlerhaftigkeit ist inhärenter Teil des Menschseins.
Ein zentrales Motiv ist das Tennis. Tom spielt anfangs nur Bälle zu, lobt stoisch die reichen Urlauber:innen, zeigt kein wirkliches Interesse oder Engagement ? ein ehemaliges Talent, dessen Schulter ihn im Stich gelassen hat. Doch in einer finalen, fast symbolischen Auseinandersetzung kehrt er zur alten Größe zurück. Diese sportliche Metapher spiegelt auch seinen inneren Kampf wider.
Visuell erzeugt der Film starke Kontraste: die scheinbare Idylle der Insel, die trostlose Wiederholung in Toms Alltag (z.B. das Aufwachen an ständig anderen Orten), das Spiel mit Licht und Schatten, mit nahen und weiten Einstellungen. Besonders gelungen sind die wiederkehrenden Motive, etwa das Kamel, die das Drehbuch verdichten und mit immer neuen Beziehungspunkten für überraschende Wendungen sorgen.
Die Musik spielt mit den Erwartungen eines Crime-Plots, ohne diesen zu überbetonen. Die Strand-Disco, in der stets derselbe Song läuft, verstärkt das Gefühl der Wiederholung und Stagnation ? fast als ironischer Kommentar auf das Setting eines Feriendomizils.
ISLANDS ist anspruchsvolles Arthouse-Kino, das Geduld erfordert, aber mit einer reichen Erzählebene und atmosphärischer Dichte belohnt. Trotz seiner Länge gelingt es dem Film, Spannung aufzubauen und die Vielschichtigkeit seiner Figuren zu wahren.
Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW)